Künstler Jens Carstensen erweckt den vergessenen Klang der Stadt zu neuem Leben

Mit einem Typhon-Konzert wird bei der SAiL Bremerhaven 2025 der zunehmend in Vergessenheit geratene Sound der Stadt zu neuem Leben erweckt. Schiffshörner haben dem Klangraum der Seestadt über Jahrzehnte hinweg eine unverwechselbare Atmosphäre verliehen. Mit einer einzigartigen Klanginstallation lässt der Bremerhavener Musiker und Künstler Jens Carstensen diese Zeit von einem 12 Meter hohen Turmgerüst auf der südlichen Geestemole wieder aufleben.

Carstensen ist Experte für Stadtklänge und ungewöhnliche Konzerte an noch ungewöhnlicheren Orten. In diesem Fall greift er auf Aufnahmen zurück, die er in den Jahren 2004 und 2005 gesammelt hat. Mehr als 100 Schiffe haben ihre Typhone seinerzeit extra für die Aufnahmen erklingen lassen. Darunter so legendäre Schiffe wie die „Queen Elizabeth II“, die alte „Europa“ und die „Maxim Gorki“. Aber auch jede Menge Handels- und Behördenschiffe. In einem Klangarchiv wurden diese Aufnahmen nach Reedereien und Schiffsgrößen gespeichert. Jetzt dienen sie als Material für eine mehrstimmig orchestrierte Komposition.

Diese Klänge gehören zu Bremerhaven

„Schiffshörner funktionieren in erster Linie ja nicht nach harmonischen musikalischen Gesetzen“, sagt Carstensen. „Sie folgen einer technischen Logik.“ Dieses Spiel mit Klängen, die nicht in eine Tonleiter passen, sie aufzunehmen und klanglich zu gestalten, sei für ihn eine spannende Herausforderung gewesen.  „Für mich hat diese Klangwelt etwas Spezifisches, das ich nur in Bremerhaven finden kann.“

Der Morsecode ist bis heute gebräuchlich

Strukturiert werden die Kompositionen, die während der SAiL vom 13. bis 17. August täglich zwischen 11 und 22 Uhr erklingen, auf Grundlage des bis heute in der Seefahrt gebräuchlichen Morsecodes. Es handelt sich dabei um ein Verfahren zur Übermittlung von Buchstaben und Zeichen, das auf den Symbolen Punkt, Strich und Pause basiert. Das wohl berühmteste Morsezeichen („Kurz, kurz, kurz – lang, lang, lang – kurz, kurz, kurz“) steht für das SOS in der Seefahrt.  Es lassen sich damit aber auch Worte und ganze Sätze bilden.

Schiffshörner morsen kleine Botschaften

Die Schiffshörner sind in diesem Fall also die Lautgeber für kleine Botschaften, die Seefahrer aus aller Welt in der Stadt hinterlassen haben. Carstensen hat dafür die Gästebücher der Bremerhavener Seemannsmission über einen Zeitraum von zehn Jahren durchforstet und Einträge in zumeist englischer Sprache gefunden, die weit über reine Danksagungen hinausgehen.  Ein Beispiel in der Übersetzung: „Nur ein kleiner Moment der Stille, um darüber nachzudenken, wofür wir in der Welt sind“. Oder: „Wenn du keine Risiken eingehst, kannst du die Zukunft nicht gestalten“. Und schließlich: „Bleib menschlich gegenüber dem Unsichtbaren“.

Der historische Sound kehrt zur SAiL zurück

„Als Junge wurde ich morgens zum Aufstehen regelmäßig vom Klang eines Typhons begleitet“, beschreibt Carstensen eine Inspiration für das Projekt. „Es tutete stadtweit hörbar zum Schichtbeginn auf der Lloyd Werft und war für mich die Versicherung, pünktlich den Weg zur Schule anzutreten.“ Mit der zunehmenden Industrialisierung des Hafens und dem Einsatz von alternativen Ortungssystemen verschwanden die Signale von Typhonen. Nur immer dann, wenn ein Kreuzfahrtschiff von der Columbuskaje ablegt, sind sie noch zu hören. 

Nun kehrt der historische Sound der Stadt also für die Tage der SAiL in seinen ursprünglichen Klangraum zurück. Carstensen: „Als ein klingendes Vermächtnis für die Stadt Bremerhaven.“

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