Filmkritik: „Michael“ – Zwischen Genie, Drill und dem Glanz von gestern

Michael Jackson ist ohne Frage der größte Künstler, der je auf dieser Welt wanderte. Als Fan, der den King of Pop viermal live erleben durfte, hatte ich mir seit dem ersten Bekanntwerden dieses Biopics unzählige Gedanken gemacht: Kann man dieser Legende filmisch überhaupt gerecht werden?

Am 22. April 2026 war es endlich so weit. Ein Teil unserer Radio-Bremerhaven-Redaktion war ohnehin in Köln unterwegs, und wir haben die Chance genutzt, eine der ersten Vorstellungen zu besuchen. Unsere Wahl fiel auf die Residenz Astor Lounge – ein Kino, in dem modernste Technik auf charmanten Retro-Flair trifft.

Das Lichtspielhaus in der Kölner Innenstadt ist ein Erlebnis für sich: Echte Ledersessel mit Fußhockern sorgen für Wohnzimmer-Atmosphäre, und der Am-Platz-Service setzt dem Ganzen die Krone auf. Ja, es kommt tatsächlich ein Mitarbeiter an den Sessel, um die Bestellung aufzunehmen! Die Auswahl an Softdrinks und feinen Cocktails ist erstklassig, und man verzichtet hier bewusst auf den Geruch von Nachos, was dem edlen Ambiente sehr zugutekommt.

Der Film: Wo alles begann

Das Biopic startet dort, wo der Mythos seinen Ursprung hat: In Gary, Indiana. Wir sehen Michael als kleines Kind, das bereits in jungen Jahren von seinem Vater Joseph Jackson (gespielt von Colman Domingo) unerbittlich getrieben wird, besser zu werden. Die Eröffnungsszenen fangen die bedrückende Atmosphäre im Hause Jackson spürbar ein.

Während andere Kinder draußen spielten, herrschte bei den Jacksons eiserne Disziplin. Der Film macht keinen Hehl daraus, dass Joseph Jackson Größe nicht nur förderte, sondern mit einer Härte einforderte, die oft an Grausamkeit grenzte.

Ein Neffe in riesigen Fußstapfen – doch das Magische fehlt

Sobald Jaafar Jackson, Michaels echter Neffe, die Leinwand betritt, ist die optische Ähnlichkeit zwar verblüffend, doch der Funke will nicht recht überspringen. Jaafar ist eine gute Wahl, aber oft fehlt ihm dieses fast schon überirdisch Magische, der jungenhafte Charme und dieser ganz besondere „Michael-Blick“, der das Original so einzigartig machte.

Selbst bei den ikonischen Tanzszenen, wie etwa zu „Thriller“, wirken die Bewegungen zwar technisch präzise und nah am Original, aber es fehlt das gewisse Etwas, diese explosive Energie, die nur MJ besaß. Besonders enttäuschend: Das legendäre „Thriller“-Video wird in gerade einmal drei Minuten abgehandelt. Das ist schlichtweg zu wenig für ein Werk dieses Kalibers.

Lücken im Drehbuch und bekannte Pfade

Was beim Zuschauen zudem sauer aufstößt: Janet Jackson existiert in diesem Film schlichtweg nicht. Es wird gemunkelt, dass sie sich aktiv aus dem Drehbuch herausschreiben ließ. Stattdessen verliert sich der Film in Belanglosigkeiten. Müssen wir wirklich sehen, wie Michael den Schimpansen Bubbles kauft? Auch das Pepsi-Drama wird wieder einmal breitgetreten. Wir erfahren absolut nichts Neues über Michael. Jede gut recherchierte Dokumentation bietet mehr Tiefgang und Hintergrundinformationen als dieses Biopic.

Das Finale: Wembley ohne Wow-Effekt

Der große filmische Höhepunkt sollte eigentlich das Finale im Wembley-Stadion 1988 sein. Wir sehen eine gigantische Bühne und tausende mittels CGI generierte Fans, doch der erhoffte „Wow-Effekt“ bleibt aus. Die Inszenierung wirkt seltsam steril; hier hätte man emotional viel tiefer gehen und die schiere Wucht dieser Ära besser einfangen müssen. Hier wäre deutlich mehr möglich gewesen

Trotz dieser Schwächen wird der Film zweifellos ein kommerzieller Erfolg werden – dafür ist der Name Michael Jackson einfach zu groß. Ein zweiter Teil wird unumgänglich sein und bereits im Abspann angekündigt, um die komplexen, schweren und tragischen Jahre von 1988 bis 2009 zu behandeln. Bleibt nur zu hoffen, dass man sich dann mehr auf die ungesehenen Seiten des King of Pop konzentriert, statt nur die bekannten Schlagzeilen nachzuerzählen.

Rezension von Hannes Volkmar